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PREMIO SCHILLER ZKB

Il Premio Schiller della ZKB è attribuito annualmente dalla Banca Cantonale di Zurigo (ZKB) ad autrici o autori della regione. Dotato di CHF 10’000. -, il premio ricompensa autori e autrici le cui opere abbiano contraddistinto e arricchito la letteratura svizzera.

Il premio viene assegnato fin dal 1979 su proposta del Consiglio della Fondazione Schiller svizzera ed è dunque il più antico tra gli impegni di promozione della letteratura da parte della Banca Cantonale di Zurigo. Con questo contributo la ZKB incoraggia e sostiene la scena letteraria della regione economica zurighese. Unser Engagement

 

Annette Hug

Tiefenlager

Verlag Das Wunderhorn, 2021

Jurybegründung:

Wie längerfristig umgehen mit radioaktivem Müll? Dieser nach wie vor ungelösten Frage nehmen sich in Annette Hugs eigenwilligem Roman fünf Menschen aus den verschiedensten Weltgegenden an. Um sicherzustellen, dass das Wissen und die Umsicht im Umgang mit Tiefenlagern über Generationen weitertradiert wird, gründen sie einen Orden. Klöster haben sich in der Geschichte der Menschheit ja als besonders dauerhafte Institutionen erwiesen. Das vernetzte Denken, das da gefragt ist, verhilft dem Roman zu seiner thematischen Vielfalt. Neben Technik geht es beispielsweise auch um Sozietät, Globalisierung und Sprache.

Annette Hugs Roman überzeugt durch seine Originalität und seine kühne Konstruktion, den ebenso verantwortungsbewussten wie phantasievollen Umgang mit gesellschaftlichen Fragen sowie die anrührenden Porträts der Ordensgründerinnen und -gründer.

Annette Hug ist 1970 in Zürich geboren. Sie hat in Zürich Geschichte und in Malina „Woman and Development Studies“ studiert. Nach Tätigkeiten als Dozentin und Gewerkschafts­sekretärin lebt sie seit 2015 als freie Autorin in Zürich. Tiefenlager ist ihr viertes Buch und erschien 2021 im Verlag Wunderhorn in Heidelberg. Für ihr drittes, Wilhelm Tell in Manila, wurde Annette Hug 2017 mit einem Schweizer Literaturpreis des Bundesamts für Kultur ausgezeichnet. Sie hat auch Reportagen aus den Philippinen, aus Shanghai und Seoul veröffentlicht und nutzt ihre Philippinisch-Kenntnisse neuerdings dazu, philippinische Gegenwartsliteratur ins Deutsche zu übersetzten. Alle zwei Wochen erscheint in der Wochenzeitung WOZ ihre Kolumne „Ein Traum der Welt“. https://www.annettehug.ch/

 

Preisverleihung vom 13. Juni 2022 im Literaturhaus Zürich

 

Dr. Jörg Müller-Ganz, Präsident des Bankrats
der Zürcher Kantonalbank,
gratuliert Annette Hug

 

 

Dominik Müller
(Schweizerische Schillerstiftung),
Gesa Schneider
(Literaturhaus Zürich)
im Gespräch mit Annette Hug

 

Bildnachweis: @ Dominique Meienberg

 

Laudatio

Sehr geehrte Damen und Herren,

Wie kommt es eigentlich, dass die ältesten Literaturpreise, die in der Schweiz vergeben werden, ›Schillerpreise‹ heissen, dass sie also nach einem deutschen Dichter benannt sind, nicht nach Keller oder Rousseau?

Der Grund liegt bei der Institution, welche diese Preise ins Leben rief, der Schweizerischen Schillerstiftung. Aber bei deren Namen stellt sich die Frage ja gleich noch einmal. 1859, anlässlich von Schillerst 100. Geburtstags, wurde eine deutsche Stiftung mit dessen Namen ins Leben gerufen. In der Folge sollte in der Schweiz ein Ableger geründet werden. In der Sache konsultiert, wehrte C. F. Meyer mit der Begründung ab, es gebe ohnehin schon zu viele Schriftsteller. Gottfried Keller, demokratischer gesinnt und – wie wir hier in dem Haus, wo er gerne Zeitung las, gut wissen – ein politischer Kopf, wehrte mit der Begründung ab, die Schweiz sei ein viersprachiges Land, da könne man nicht einfach einen deutschen Dichter zum Schutzpatron einer Förder­institution machen. Dass man sich dann 1905 doch über diesen nahe­liegenden Einwand hinwegsetzte, begründete man damit, Schiller sei der Dichter des Wilhelm Tell. Das überzeugte auch in der Romandie, im Tessin und erst recht bei den Jägern in romanisch Bünden.

Das alles erzähle ich Ihnen, damit Sie ermessen können, dass es vielleicht kaum je eine würdigere Schillerpreisträgerin gegeben hat als Annette Hug. In ihrem vorletzten, 2016 erschienenen Roman, Wilhelm Tell in Manila, hat sie gezeigt, dass man sich nicht nur im südlichen Nachbar­land Deutschlands für Schiller begeistern konnte, sondern auch im globalen Süden. Das Buch wurde mit einem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet.

Nun sind wir im Jahr 2022. Annette Hug hat sich nicht auf den Lorbee­ren ausgeruht. Der Preis scheint sie – wie man sich das von Literatur­preisen erhofft – ermuntert zu haben, weiter zu schreiben. Tiefenlager ist 2021 – wie früher bereits Wilhelm Tell in Manila – im Heidelberger Verlag »Wunderhorn« erschienen (was nützen wunderbare literarische Manus­kripte, wenn sich nicht Verlage ihrer annehmen?). Dass der Stiftungsrat der Schweizerischen Schillerstiftung dieses Buch der Zürcher Kantonalbank mit Begeisterung für ihren Schillerpreis vorschlagen konnte, hängt nun mit dem deutschen Namenspatron nicht mehr zusammen. Vielmehr leitet es sich von den Qualitäten und dem Eigen- und Tiefsinn des Romans ab.

Um diesen zu würdigen, nehme ich aber doch noch einmal auf Schiller Bezug. Dieser wollte ja mit seinem Tell nicht einfach die schweizerische Politfolklore alimentieren. In Frankreich hatte sich die Ungeheuerlichkeit zugetragen, dass dem Monarchen in der Frz. Revolution das königliche Haupt abgeschlagen wurde. Das Stück denkt darüber nach, unter wel­chen Bedingungen so etwas politisch legitim sein kann.

Das tagesaktuelle Problem, mit dem sich Annette Hug auseinandersetzt, ist das der Lagerung von radioaktiven Abfällen. Um diese zu gewährleisten ist nicht nur Wirklichkeitssinn gefragt, sondern auch das, was Robert Musil den »Möglichkeitssinn« nannte. Man muss vorausdenken, muss die Ungeheuerlichkeiten, die sich einstellen könnten, imaginieren. Das Imaginieren jedoch, das ist die Kernkompetenz fiktionaler Literatur.

Annette Hug kommt in ihrem Roman ganz ordentlich ins Fabulieren. Sie malt sich und uns Leserinnen und Lesern aus, wie fünf Menschen, die aus ganz verschiedenen Berufen und Weltgegenden kommen, einen Orden gründen, der das Wissen um einen vernünftigen Umgang mit radioaktivem Müll in eine ferne Zukunft tradieren soll. Im Roman stammt die Idee von einem Vertreter eines im Nukleargeschäft tätigen Konzerns, der das Vorhaben dann anfänglich auch unterstützt.

Tiefenlager ist kein verkapptes Sachbuch, sondern ein allerdings von mannigfachem Sachwissen gesättigter Roman, in dem lebendig und souverän erzählt wird. Dass die Autorin sich von einer scheinbar nicht besonders literaturaffinen Thematik dazu führen liess, einen Roman ganz eigener Art zu formen, hat die Jury als erstes dafür eingenommen.

In den Bericht über die Gründungsmitglieder und den Aufbau des Ordens sind fünf grosse Kapitel eingeschoben, in denen das Fabulieren den fünf Ordensgründern überlassen ist. In sehr unterschiedlichen Zukunftsszenarien malen sie sich aus, wie der Orden seine Aufgabe angehen wird. Visionen von Welten nach einem dritten Weltkrieg, nach einer Atomkatastrophe können die Literatur dazu verführen, dick aufzutragen und im Schrecken zu schwelgen. Dass Annette Hug dieser Versuchung widersteht, macht eine weitere Stärke ihres Buches auf. Das Dystopische wird von der Utopie in Schach gehalten, dass es dem Orden als einer »Insel der Vernunft« gelingen wird, das Schlimmste abzuwenden.

In den Kapiteln, in denen die Ordensgründerinnen und -gründer Zukunftsszenarien entfalten, zeigt sich wohl am deutlichsten, dass Tiefenlager ein anspruchsvolles Buch ist. Die Fünf lassen sich bei ihren Visionen von ihren ganz persönlichen Erfahrungen leiten, ihren Ängsten und Wunschvorstellungen. Einige haben einen Zug ins Esoterische, kommen beim Sprechen fast ins Singen, so dass spätestens hier auffällt, wie sorgfältig Annette Hugs Sprache auch rhythmisch gestaltet ist. Doch verliert der Text nie über längere Strecken seine Bodenhaftung. Kurt zum Beispiel – die andern nennen ihn »den Maschinisten«, er kümmert sich um Technisches, und ist unter anderem für die Unterkünfte besorgt – macht sich in seiner Erzählung auch Gedanken über das sehr konkrete Thema der Dauerhaftigkeit inter­nationaler Normungen. Denn zu den Bedingungen, dass der Orden in Zukunft noch seinen Auftrag erfüllen kann, gehört auch, dass Schrauben und Muttern zusammenpassen.

Wenn das Nachdenken über Zukunftsvorkehrungen so in konkrete Einzelheiten geht, wirft es auch Schlaglichter auf das Funktionieren unserer aktuellen Welt. Diese spiegelt sich auf bunte Art auch in den Lebensgeschichten der Ordensgründer. Besonders eindrücklich ist diejenige von Betty Wang, die, obwohl chinesischer Abstammung, in Manila aufwächst. Später pflegt sie in Hong Kong einen dementen Patienten, dem sie die Erkenntnis verdankt, dass auch Zivilisationen ihr Gedächtnis verlieren könnten. Die Ordensgründerinnen und -gründer stammen aus den verschiedensten Weltgegenden. Schon für ihre Ver­ständigung spielt das Dolmetschen eine wichtige Rolle (das auch in Wilhelm Tell in Manila thematisiert wird) und erst recht dann, wenn es ums Tradieren alten Wissens für Menschen geht, die in einer fernen Zukunft wohl kaum noch unsere Sprachen sprechen werden.

Die Viten der fünf Pioniere zollen den unterschiedlichsten Herkünften und Kompetenzen – spektakulären und ganz unscheinbaren – Respekt. Nur eine internationale und interdisziplinäre Gruppe hat überhaupt Aussichten, einer so komplexen, über das Technische hinausgehenden Aufgabe wie der Aufbewahrung radioaktiven Mülls angemessen zu begegnen. Technokratische Lösungen reichen da nicht aus. Gefragt ist vielmehr ein vernetztes Denken, wie es der Roman selber praktiziert. Wie In der Zuckerfabrik, der Roman von Dorothee Elmiger, den wir 2021 hier ausgezeichnet haben, beweist auch Tiefenlager, dass die relevanten literarischen Bücher, die heutzutage in Zürich entstehen und mit dem ZKB-Schillerpreis ausgezeichnet werden, global denken.

Die Gründer-Viten gehören zu dem identitätsbildenden Narrativ, das die Ordensmitglieder, die später dazu kommen, eint. Dass diese einiger­massen in einen Gleichschritt kommen, ohne gleichgeschaltet zu werden, dass sie sich in den Dienst eines Auftrags stellen, ohne sich selber zu verlieren, ist eine weiter Utopie, die in Tiefenlager vorsichtig ausgespon–nen wird. Über Gruppenleben und Arbeitsorganisation wird in einer Gelassenheit und Konkretheit erzählt, dass man vergisst, dass wir uns da ja eigentlich in einer hochgradig konstruierten Romanwelt befinden. Annette Hug vermag sie uns zu vergegenwärtigen, ohne sie ängstlich bis ins letzte Detail auszumalen. So geht man mit, ohne daran Anstoss zu nehmen, dass man ja nie ganz glauben kann, was einem da erzählt wird.

Als letzte schließt sich die Französin Céline der Gruppe der Ordens­gründer an. Eine fatale Pollenallergie hat sie aus dem Bauernmilieu vertrieben, in dem sie im Massiv Central aufgewachsen ist. Sie hat Sprache und Literatur studiert. Statt einer Zukunftsvision steuert sie eine Sammlung von Passagen aus Werken der Literatur bei. Dieses Textlager ist ihr Beitrag zur Problematik der Atommülllager – Literatur als eine Form, Wissen, Fühlen und das Sprechen darüber in eine dauerhafte Form zu bringen. Célines Beitrag bildet das letzte Kapitel des Buches. Es macht vollends klar, dass Tiefenlager auch ein Buch ist über Literatur. Célines kunterbunte Sammlung ist natürlich die Sammlung von Annette Hug, die nicht zu verbergen sucht, dass ihr Buch mit seinem gesellschaftspolitischen und zivilisationskritischen Weitblick und mit seiner Weltläufigkeit auch ein sehr persönliches Buch ist.

Liebe Annette Hug, im Namen der Schweizerischen Schillerstiftung gratuliere ich Ihnen herzlich zu Tiefenlager und danke Ihnen dafür.

Dominik Müller, deutschsprachige Jury der Schweizerischen Schillerstiftung