ZKB SCHILLERPREIS
Der mit 20’000 CHF dotierte ZKB Schillerpreis wird alljährlich von der Zürcher Kantonalbank (ZKB) an regionale Autorinnen oder Autoren vergeben. Der Preis zeichnet Autorinnen und Autoren aus, die mit ihren Werken die Schweizer Literaturszene bereichern und prägen.
Auf Vorschlag des Stiftungsrates der Schweizerischen Schillerstiftung wird der Literaturpreis schon seit 1979 ausgerichtet und ist somit das ältestes Literaturengagement der Zürcher Kantonalbank. Mit diesem Beitrag fördert und unterstützt die ZKB die Literaturszene des Wirtschaftsraums Zürich. Unser Engagement
Gerhard Meister
Cha me das therapiere (Der gesunde Menschenversand, 2025)
Jurybegründung:
Mal auf Hoch-, mal auf Berndeutsch, gelegentlich in Versen, meist in Prosa, bilden die kurzen Texte in Cha me das therapiere eine lockere Folge, aber kein zufälliges Sammelsurium. Sie gruppieren sich um eine Reihe von Schwerpunktthemen, die sie mit Humor und auf verblüffend vielfältige Art angehen. Erschienen in der «edition spoken skript» des Verlags «Der gesunde Menschenversand», der etliche Juwelen von Spoken Word zu verdanken sind, imitiert der Band gesprochene Sprache und verfremdet diese gleichzeitig. Die Monologe laufen immer wieder aus dem Ruder, geraten in eine Art Leerlauf. Sie behaupten Überlegenheit und verraten Ratlosigkeit angesichts der Klimaerwärmung, der Ewigkeitschemikalien in unseren Körpern, der aktuellen Selbstoptimierungsdiktate oder dem Umgang mit in den Strudel von Moden geratenen Heranwachsenden. Die Technikfaszination und deren politische Ausschlachtung werden am Beispiel des Zeppelins und der Mondlandung auch in die Geschichte zurückverfolgt.
So beeindrucken Gerhard Meisters Texte durch ihren Sprachwitz, die thematische Breite und die Vielfalt der Versuche, sich den Herausforderungen und Zumutungen der Welt sprachlich zu erwehren.
Gerhard Meister wurde 1967 im Emmental geboren und studierte Geschichte und Soziologie. Er schreibt Theaterstücke, Hörspiele, Gedichte und Spoken-Word-Texte. Von 1996 bis 2003 bildete er zusammen mit Andres Lutz das Bühnenduo «Geholten Stühle». Er ist Mitglied des Spoken-Word-Ensembles «Bern ist überall» und tritt auch im Trio BrueckerMeisterTrauffer auf. Gerhard Meister erhielt u.a. den Salzburger Stier und den Literaturpreis von Stadt und Kanton Bern. Er lebt als freier Autor in Zürich.
PREISVERLEIHUNG VOM 1. JUNI 2026 IM LITERATURHAUS ZÜRICH

Jörg Müller-Ganz, Bankpräsident, Gerhard Meister (v.l.n.r.) / Fotograf: Dominique Meienberg

Laudatio, gehalten von Dominik Müller
Liebe Literaturliebhaberinnen und -liebhaber
Lieber Gerhard Meister
Zum 47. Mal durfte die Schweizerische Schillerstiftung dieses Jahr der Zürcher Kantonalbank ein Buch zur Auszeichnung mit dem ZKB-Schillerpreis vorschlagen.
Die deutschsprachige Jury, der Bettina Braun, Ruth Gantert und ich angehören, hat sich den Entscheid nicht leicht gemacht. 2025 kamen zahlreiche bemerkenswerte Neuerscheinungen heraus. Der Entscheid für das Buch Gerhard Meisters ist der Jury aber schliesslich nicht schwergefallen.
Sie hat ihn folgendermassen begründet.
Mal auf Hoch-, mal auf Berndeutsch, gelegentlich in Versen, meist in Prosa, bilden die kurzen Texte in Cha me das therapiere eine lockere Folge, aber kein zufälliges Sammelsurium. Sie gruppieren sich um eine Reihe von Schwerpunktthemen, die sie auf verblüffend vielfältige Art angehen. Immer dabei ist aber der Humor. Erschienen in der edition spoken skript des Verlags Der gesunde Menschenversand, der schon etliche Juwelen der Deutschschweizer Spoken-Word-Literatur in gedruckter Form unter die Leute gebracht hat, imitiert der Band gesprochene Sprache und verfremdet diese gleichzeitig. Die Monologe laufen immer wieder aus dem Ruder, geraten in eine Art Leerlauf. Sie behaupten Überlegenheit und verraten Ratlosigkeit angesichts der Klimaerwärmung, der Ewigkeitschemikalien in unseren Körpern, der aktuellen Selbstoptimierungsdiktate oder dem Umgang mit in den Strudel von Moden geratenen Heranwachsenden. Die Technikfaszination und deren politische Ausschlachtung werden am Beispiel des Zeppelins und der Mondlandung auch in die Geschichte zurückverfolgt.
Gerhard Meisters Texte beeindrucken durch ihren Sprachwitz, die thematische Breite und die Vielfalt der Versuche, sich den Herausforderungen und Zumutungen der Welt sprachlich zu erwehren.
Es ist nicht leicht, ein so facettenreiches Buch in den wenigen Sätzen, die für eine Jurybegründung zur Verfügung stehen, angemessen zu würdigen. Ich bin deshalb froh über die Gelegenheit, hier noch etwas mehr Worte verlieren zu dürfen, um die Qualitäten des Buches zu rühmen. Und das in der Hoffnung, Sie mit unserer Freude über das Buch anzustecken.
Für die literarische Strömung, welcher der Verlag das Buch zuordnet, gibt es nur ein englisches Wort: «Spoken Word». Sie lässt sich inspirieren von der gesprochenen Sprache, Flüssigkeit der Rede und Tempo sind da von grossem Wert. In der deutschen Schweiz führte die Spoken-Word-Bewegung die Autorinnen und Autoren zwangsläufig zum Dialekt. Er verlieh Spoken Word hierzulande eine besondere Plausibilität und Popularität, wie umgekehrt Spoken Word der Dialektliteratur neue Energien zuführt. Aus der aktuellen Literaturszene der deutschen Schweiz ist Spoken Word nicht mehr wegzudenken. So ist es nicht einfach nur erfreulich, sondern auch angemessen, dass in die stattliche Reihe der fast 50 Werke, die bisher mit einem ZKB-Schillerpreis ausgezeichnet worden sind, mit dem heutigen Tag auch ein Dialektbuch eintritt.
Cha me das therapiere ist nun aber nicht einfach ein Dialektbuch, wie es denn überhaupt bündigen Charakterisierungen entschlüpft wie eine Forelle der zupackenden Hand. Es wechselt vom Bern- ins Hochdeutsche und bisweilen gar ins Englische. Es ist schwer zu durchschauen, was diese Sprachwechsel bestimmt. Gerhard Meister setzt sich in befreiender Weise über die Regel hinweg, dass Dialektliteratur nur für Welten zuständig ist, in denen der Dialekt gesprochen wird. Spätestens im Kapitel «Im Emmental (und Umgebung)» wird einem das bewusst, denn hier werden Dinge verhandelt, die irgendwo zuhause sein können, also auch im Emmental. Gerhard Meister lässt einen Hollywood-Schauspieler seinen Klagemonolog darüber, dass er die immer gleiche Rolle spielen muss, auf Berndeutsch vorbringen. Berndeutsch wird so zum neutralen Kommunikationsmittel, wie das für die grossen Sprachen selbstverständlich ist. Sind es vielleicht die Konfessionen, in denen ein Sprecher sich mir als Leser treuherzig anvertraut, die für den Dialekt prädestiniert sind?
Die Schar derjenigen, die Gerhard Meister mit ihren Bekenntnissen zu Wort kommen lässt, ist äusserst bunt. Und das Besondere an dieser Vielfalt ist, dass zu den Figuren auch solche gehören, die ausserhalb der realen Welt stehen, was das Buch stellenweise ins Surreale oder in die Science-Fiction kippen lässt. Der titelgebende Stossseufzer «Cha me das therapiere» entstammt dem Bericht eines Vaters oder einer Mutter, deren Sohn auch mit 18 noch an den Osterhasen glaubt. Wenn der wundergläubige junge Mann eine Therapie brauche, so der herbeigeredete Trost, dann seien bitteschön auch gläubige Christen oder Apologeten des Kapitalismus einer solchen zu unterziehen. Der mit «Oschterhas» betitelte Text findet sich im Kapitel «In Wahrheit», das sich auf witzig-hintersinnige Art mit dem Thema Fake News beschäftigt, ohne uns mit simplen Zuschreibungen abzuspeisen.
Zu den Figuren, die Gerhard Meister sprechen und die er dabei mit liebevoller List sich selber blossstellen lässt, gehören geplagte Eltern, verängstigte Patienten, Schwerenöter, Geheimnisträger, Prinzipienreiter. Der Autor, der auch viele Theaterstücke und Hörspiele geschrieben hat, schlüpft aber nicht immer in klar erkennbare Rollen. Er bespricht ihn bewegende Themen auch gewissermassen in Eigenregie. Zu diesen gehört immer wieder die Sprache, die dabei nicht nur Reflexions-, sondern auch Spielobjekt ist. Wiederholt macht sich auch bemerkbar, dass Gerhard Meister Geschichte studierte. Die beiden historischen Leitthemen, haben beide etwas mit dem Fliegen zu tun, dem sich der erste Text des Buches (er hallt im letzten nach) auf sehr poetische Weise annähert: die Mondlandung und der Zeppelin. Der Zeppelin – wieder zeigt sich hier die Variationsbreite der Zugänge – wird etwa aus technik- und kulturgeschichtlicher, aus medienkritischer und politischer Sicht beleuchtet. Anekdoten erhöhen dabei den unterhaltenden Charakter, von dem Spoken Word auch lebt. Eingeführt wird das Zeppelin-Thema mit einem jener Stücke, in denen dieses inhaltsreiche Buch auch die Freude am Nonsens auslebt:
Seppli
Zeppelin, das klingt so hübsch im Ohr, so harmlos putzig,
klein.
Zeppelin, Zeppelein,
sowas legt man seinem Kind gerne aufs Kopfkissen zum
Einschlafen.
Zeppelein, Zeppeli, Seppli,
der Zeppelin ist der hochdeutsche Bruder vom Seppli,
hast du das nicht gewusst?
Lue Seppli, da flügt di hochdütsch Brueder.
Uf Hochdütsch würdsch Zeppelin heisse, Seppli.
Ja, Zeppelin.
(S. 74)
Wie sich das Kleine zum Grossen verhält – hier: der flinke Seppli zum dicken Flugkoloss – ist ein verstecktes Leitthema des Buches. Gängige Vorstellungen von gross und klein werden ins Rutschen gebracht.
Dass Verhältnis von grossen und kleinen Sprachen, das im Zeppelin-Gedicht erscheint, wird im letzten «Bonusträck» ganz am Ende des Buchs ausführlich verhandelt. Zu Beginn dieses Schlusstextes, der mit «The Right Language» überschrieben ist, wird auf Englisch die dominante Stellung dieser Sprache beschworen. Der Sprecher kann mit ihr, wie mit anderen Weltsprachen, nichts anfangen. Er ist auf der Suche nach einer «weak language, a language without power behind». Und dann:
ja, Bärndütsch chönnt die richtigi Sprach si
[…]
ja, Bärndütsch isch e chlini Sprach
ehrlech gseit, verschteit fasch niemer Bärndütsch
u niemer redts
aber e Schprach, wo niemer redt
aber e Schprach, wo niemer verschteit
das cha o nid e richtigi Schprach si
u so gits viellech gar ke richtige Schprach
u wes kei richtig git
de gits o ke fautschi
de gits eifach Schprache
(S. 194)
Das anfängliche Kleinrede der Dialektsprache mündet in eine Absage an Hierarchien, und so wird das Berndeutsche vom Rand wieder mitten ins Zentrum gerückt.
Mit diesem Schluss unterstreicht Gerhard Meisters Buch, in dem man fast unbemerkt zwischen den Sprachen hin- und hergleitet, nochmals mit Nachdruck die Distanz zu einer Mundartliteratur, die sich selbstverliebt ins Lokale zurückzieht.
Er greift zudem das sprachphilosophische Paradox auf, dass Sprache, trotz lokaler und persönlicher Färbungen, universal ist. Gerhard Meister gehört seit mehr als zwanzig Jahren der Vereinigung «Bern ist überall» an. Diese veranstaltet für ihre Mitglieder – AutorInnen und MusikerInnen – Gruppenauftritte und hat sich das Paradox, dass meine Sprache nicht meine Sprache ist, auf die Fahne geschrieben. Im Manifest von «Bern ist überrall» heisst es u.a.:
ÜBERALL ist unsere Sprache, die uns nicht gehört. Wir haben sie uns angeeignet, um durch sie zugehörig zu werden. Es gibt keine eigenen und fremden Sprachen. Alle Sprachen sind Fremdsprachen.
(https://bernistuberall.wordpress.com/wp-content/uploads/2024/06/manifest-biue.pdf)
Damit dementiert das Manifest das Grosssprecherische, das im Namen «Bern ist überall» mitzuschwingen scheint. Solches macht in Bern meist augenblicklich der ironischen Selbstrelativierung Platz, wie wir sie vom Namen der schon erwähnten Berner Band «Züri West» kennen. Er reduziert Bern zu einem Vorort Zürichs, irgendwo weit hinter Altstetten und Schlieren.
Dass Gerhard Meister für Cha me das therapiere mit dem ZKB-Schillerpreis ausgezeichnet werden kann, geht darauf zurück, dass dieser nicht nur schreibenden Züricherinnen und Zürchern offen steht, sondern auch Autorinnen und Autoren, die wie Gerhard Meister im «Wirtschaftsraum» Zürich leben. Dieser beherbergt an die 1,7 Millionen Menschen und so, zu unserem Glück, auch eine schöne Zahl kreativer Autorinnen und Autoren.
Ich komme zum Schluss. Ich möchte der Zürcher Kantonalbank dafür danken, dass sie diesen Preis nach wie vor ausrichtet und auch Jahr für Jahr zu seiner Verleihung eine gediegene Feier organisiert.
Literarische Text könnten ihre Leserinnen und Leser nicht erreichen, wenn nicht Verlage daraus Bücher machten. Unser Dank gilt also auch dem Verlag der Gesunde Menschenversand, in dem Cha me das therapiere erschienen ist. Wie wichtig dieser Verlag und diese Reihe für die experimentierfreudige und risikobereite Literatur in diesem Land ist, wurde kürzlich dadurch in Erinnerung gerufen, dass der Mitbegründer und langjährige Leiter des Verlags, Matthias Burki, mit dem Innerschweizer Kulturpreis 2026 ausgezeichnet worden ist.
Ihnen, lieber Gerhard Meister, danke ich im Namen der Schillerstiftung für Ihr Buch und gratulieren Ihnen für den Schillerpreis der Kantonalbank Bern Ost.